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Montag, 27. September 2010

Tatort Berlin: Die hohe Kunst der Langeweile

Über den Tatort "Die Unmöglichkeit, sich den Tod vorzustellen" will ich heute nicht viele Worte verlieren, er war einfach zu langweilig. Wie fast immer, wenn Krimis in der Kunstszene spielen, kam die Geschichte verkrampft und gewollt rüber, ohne auch nur eine Minute lang zu berühren. Von der absurden Lockenperücke, mit der man die arme Karoline Eichhorn gestraft hatte, ganz zu schweigen. In dieser schwachen Vorstellung haben aber zwei Schauspieler in Nebenrollen für kurze Qualitätsmomente gesorgt, die ich schon lange mal lobend erwähnen wollte. Aus der der Reihe "Tolle Schauspieler, deren Namen ich mir nie merken kann": Bernhard Schütz, der inzwischen schon Tatort-Stammgast ist, im Übrigen seit Mitte der 90er Jahre zum Ensemble der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gehört. Sidekick Ernst-Georg Schwill als Berliner Assistent möbelt immer wieder selbst drögeste Büroszenen auf. Wer ihn aber mal in jungen Jahren erleben will, dem empfehle ich "Berlin - Ecke Schönhauser" (1956). Die Kodderschnauze hatte er schon immer!

Freitag, 24. September 2010

Blutig oder Medium?

Deutschlands TV-Journalisten langweilen sich. Was haben sie nicht alles schon gesehen: hungernde Übergewichtige in der Wüste, ausgetauschte Mütter, einstürzende Neubauten, verzweifelte Schwiegertöchter in spe, Spinnen-Menüs im Urwald, Blutiges aus dem Schönheits-OP. "Im Diesseits haut die nichts mehr um, versuchen wir es mal mit dem Jenseits", muss sich RTL gedacht haben und schiebt zum 31. Oktober "Das Medium" an.

In der Pilotfolge nimmt Witwe Freya Barschel Kontakt zu ihrem verstorbenen Mann auf. Laut RTL hat das Medium, die Solingerin Kim-Anne Jannes, vorher keine Informationen über den Toten erhalten. Moment, stopp mal - wie kann man es im Fall Barschel schaffen, in den letzten Jahren keine Information aufgeschnappt zu haben? War die Frau in Einzelhaft, ohne Zeitung und Internet? Frau Jannes, da heben wir doch einmal fragend die Augenbrauen. Sehr gespannt bin ich übrigens schon auf den Moment, in dem der "Angerufene" mal keine Lust hat zu antworten. Ob es dann einen Jenseits-Joker gibt, bei dem Kim-Anne Jannes alternativ durchklingelt? Immerhin wirbt RTL mit "Der heiße Draht ins Jenseits". Freuen wir uns also auf ein Feuerwerk der Glaubwürdigkeit - und die Gelegenheit, uns endlich mal wieder mit gutem Grund lachend auf den Wohnzimmerteppich zu werfen.

Montag, 20. September 2010

Tatort "Bluthochzeit": Thumbs up!

"In der Fernsehzeitung stand: Daumen nach unten, den brauchst du nicht zu gucken", hatte mir meine Schweigermutter am Telefon geraten. Aber wer hört schon auf seine Schwiegermutter? Gut, dass ich doch eingeschaltet habe: Meine niedrigen Erwartungen an den Bodensee-Tatort "Bluthochzeit" wurden weit getoppt. Schon der Anfang gab ein gutes Tempo vor: Vor Klara Blums Augen wird ein Mann erschossen, der zweite ist auf der Flucht. Und es steht zu befürchten, dass er es auf Beate Gellert abgesehen hat. Sie war einst vom zuvor Ermordeten entführt und ihr reicher Vater um Lösegeld erpresst worden. Das Geld tauchte seitdem nicht mehr auf.

Am Tag ihrer Hochzeit wird sie nun - so ist es Brauch - wieder entführt, damit der Bräutigam sie findet. Zieht sie anfangs noch mit einer ganzen Horde Männer los, wird der Kreis schnell kleiner: Nur noch vier begleiten sie schließlich, zuerst mit der Seilbahn hoch auf einen Berg, dann an einen See. Und einer von ihnen hat mörderische Pläne mit im Gepäck - doch welcher? Autor Stefan Dähnert hat ein Ratespiel entworfen, dass immer wieder durch unerwarteten Twists überrascht. Während Klara Blum mit dem Bräutigam im Matsch - und damit auch im Fall - feststeckt, wird eine abgeschiedene Hütte Kulisse für ein fast kammerspielartiges letztes Drittel. Und das enthält dichte Szenen, die für einen Tatort fast zu schade sind - beispielsweise als einer der vier Männer sich beim Zettel-Raten als einsamer Freak outet, der sich auf fremden Hochzeiten und Beerdigungen einschleicht. Doch er ist nicht der Täter, auch wenn er immer wieder verrückt aus der Wäsche schaut und sich an seine Herrenhandtasche klammert.

Auf den wahren Bösewicht hätte Klara Blum schon ganz zu Anfang kommen können, als er ihr ein Tablett mit Sekt und Selters hinhielt: "Ich würde Ihnen die Selter empfehlen." Ihm war klar, dass Blum noch einen klaren Kopf brauchen würde. Am Ende stellt sie sich ihrem Trauma vom Anfang, mit konsequentem Ausgang. Und sonst? Viele frische Gesichter, die man gern bald wiedersehen würde, darunter Hannes Wegener.

P.S. Da ich direkt im Anschluss "Sport im Westen" gesehen habe, eine neue Folge für "Bei der Geburt getrennt": Sebastian Bezzel und Manuel Neuer.

Dienstag, 14. September 2010

Weissensee: Auf dem Dienstags-Schleudersitz?

Achtung, Fans von "In aller Freundschaft": Ab heute könnte der Sechsteiler "Weissensee" ihrer geliebten Krankenhausserie am Dienstag Abend die Schau stehlen. David Denk stellt in der taz aus diesem Anlass nicht nur Hauptdarsteller Jörg Hartmann vor, er bricht auch eine Lanze fürs Qualitätsfernsehen: "Jeder, der das deutsche Fernsehen trotz aller Zumutungen immer noch liebt, sollte 'Weissensee' die Daumen drücken. Es steht viel auf dem Spiel - nicht nur für Regisseur Fromm und Hauptdarsteller Hartmann, sondern für die hiesige Fernsehfiktion insgesamt." Glaubt man der ZEIT, hat Weissensee durchaus das Zeug zum Durchstarten: "Und dann liegt da etwas über diesem Sechsteiler, was in Familienserien eher nicht vorkommt: eine beinahe surreale Schicht aus leisestem Slapstick und Selbstironie, die sowohl den Anflug von Kitsch als auch den großen Ernst erdet." Bleibt zu hoffen, dass viele Zuschauer diese Meinung teilen und der ARD-Dienstag nicht zum Schleudersitz wird wie der ZDF-Freitag zuletzt für KDD.

Montag, 6. September 2010

Tatort Frankfurt: Der letzte Tango für Dellwo und Sänger

"Prügele jeden Hund" lautet ein Merksatz für Drehbuchautoren, der soviel sagen will wie: Nimm am Anfang eines Filmes jedes Detail mit. In "Am Ende des Tages", dem letzten Fall von Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) und Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki), bekam dieser Merksatz einen neuen Dreh: Hier wurde der Hund geprügelt, aber nicht nur am Anfang. Rudi Fromm (Peter Lerchbaumer) musste nicht nur zusehen, wie seine Geliebte vor seinen Augen hingerichtet wurde. Der Killer nahm ihm schließlich auch noch die Tochter (Jördis Triebel). Das war starker Tobak für den Zuschauer, aber von Regisseur und Autor Titus Selge konsequent erzählt.

Düster, grenzwertig grausam und voller verstörter Gesichter kam dieser Tatort daher, untermalt von Tango-Klängen, und so geriet der letzte Auftritt von Dellwo und Sänger angenehm unsentimental. Der Fall an sich: vielleicht nicht unbedingt ein Nerven-Drama, aber erfrischend zeitlos. Dass ein todkranker Bankräuber nach der Entlassung aus dem Knast seine damals bei einer Schießerei ums Leben gekommene "Bonnie" rächen will - durchaus denkbar. Und schön, dass mal nicht ein Anne-Will-tauglicher "Aufreger" den Plot bestimmt.

Der Abschied von den Frankfurtern fällt indes schwer: Diese beiden verdrehten Persönlichkeiten mit ihren nicht immer liebenswerten Macken werden kaum zu ersetzen sein. Zuletzt haben sie stark am Sinn ihrer Arbeit gezweifelt. So sagte Sänger: "Ich habe das komische Gefühl, dass wir beide erschossen werden könnten". Am Ende ist es zum Glück nicht so gekommen. Aber es hilft nichts: Die letzte Bierdose ist geleert - und keine Fragen offen. Bahn frei für Nina Kunzendorf und Joachim Król, die ein schweres Erbe antreten.