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Donnerstag, 22. August 2013

Doc meets Dorf, Christine, Sekretärinnen: Alle Steinzeit - außer Mutti

Ich weiß. Es ist gemein, immer wieder US-Produktionen zum Vergleich heranzuziehen, wenn neue deutsche Serien laufen. Aber, aber, aber: Wie kann es sein, dass am neuen RTL Serien-Donnerstag gleich drei weibliche Hauptfiguren an den Start gehen, man aber nur eine davon halbwegs ernst nehmen kann? Ich hatte die Erwartungen ja schon auf Limbostangen-Niveau gesenkt und keine Carrie Mathison, keine Hannah Horvath, keine Peggy Olson, kein New Girl erwartet. Nur einen Hauch Komplexität und Credibility. Pustekuchen - in zwei von drei Fällen. Aber der Reihe nach:

"Doc meets Dorf" folgt wie ein Lemming dem "Trend", Städter auf dem platten Land drollig scheitern zu lassen. Was daran so spannend sein soll, wird sich mir als gebürtigem Landkind wohl nie erschließen. In meinen Flashbacks tauchen Schützen- und Feuerwehrfeste, Schnapsgelage und Fronleichnamsumzüge auf. Vor den Fertighäusern (hin und wieder wird eins zwangsversteigert) stehen heute mindestens zwei Autos im Carport, aber kein Mensch kann mehr Trecker fahren.

In deutschen Fernsehserien geht das so: Die in der Stadt gescheiterte, traumatisiert aufs Land reisende Frau hat grundsätzlich einen viel zu großen Rollkoffer dabei und trägt Stilettos. Beides dafür gedacht, früher oder später damit in einer Pfütze zu landen, um danach entrüstet und mit Gummistiefeln ausgestattet weiterzutraben. Zum Repertoire gehören auch der verschmähte Jugendfreund, jede Menge haariger Tiere und mindestens eine schrullige Alte. Überhaupt sind alle sehr schrullig und reden nur in Hauptsätzen. Die Landschaft ist schön, die Sonne scheint und es ist ja alles so toll grün.

"Doc meets Dorf" lässt nichts davon aus, fügt aber skurrilerweise eine um sich ballernde Chinesin hinzu. Inhaltlich spielt den konservativen Frauenbezähmern unserer Nation alles in die Hände: die geniale Chirurgin wird anders als geplant nicht vom genialen Chirurgen geheiratet und flüchtet trotzig nach Kanada (haha) in die brandenburgische Pampa. Man ahnt: nach einigen Irrungen und Wirrungen heiratet die ehemals Widerspenstige einen der lokalen Flanellhemdenträger - in diesem Fall den Nachbarn oder Tierarzt - und ist eins mit sich selbst. Nichts überrascht, nichts ist wirklich richtig lustig. Da hilft auch die ständige Flucherei wenig: Fritzi Frühling wird nicht mein Herbst-Liebling werden.

Mit "Christine - Perfekt war gestern" macht RTL dann schon sehr viel mehr richtig. Sie ist alleinerziehend (wie immerhin schätzungsweise 2,7 Millionen Deutsche). Für die Trennung von ihrem Ex, mit dem sie immer noch befreundet ist, gab es gar keinen besonderen Grund, außer dass beim Sex die Luft raus war. Auch das dürfte dem Gros der Zuschauer nicht unbekannt vorkommen. Sie hat sich in der Vergangenheit etwas gehen lassen und will das ändern - zum Beispiel indem sie nach Jahren wieder auf eine Party geht, ohne jemanden zu kennen. Diana Amft spielt das wie immer sehr überzeugend, mit großem Talent für Peinlichkeiten. Man könnte sich zwar fragen, ob sie aus der Bridget Jones-Schublade eines Tages wieder herausfindet - aber warum eigentlich, wenn sie es so gut macht? Die Dialoge (übrigens aus männlicher Hand, meine Damen) haben Tempo, die Pointen sitzen - hier passt alles!

Und vom "hier passt alles" zum "hier passt nichts" braucht es nur eine Werbeunterbrechung. "Sekretärinnen - Überleben von neun bis fünf" wirft uns zurück in die Steinzeit. Hallo ProQuote, was sagt ihr eigentlich dazu? Tagsüber wird über die Frauenquote in Deutschlands Vorstandsetagen diskutiert. Und abends schauen wir drei grenzdebilen Büro-Mäusen dabei zu, wie sie ihrem - wahlweise cholerischen oder sexistischen - Chef zuarbeiten und alles tun, damit er ja zufrieden ist? Da war das ZDF seinerzeit mit "Girlfriends" schon einmal weiter, denn da saß sogar ein Mann im Schreibpool (übrigens eine der ersten größeren Fernsehrollen von Benjamin Sadler).

Bei so viel Biederkeit wird doch der Prosecco ganz schal!

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