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Freitag, 13. Dezember 2013

Hoher Besuch: Frau Bodenlosz schaut fern

Hurra! Die fernsehfreundin darf heute einen Gaststar begrüßen. Beim alljährlichen Texttreff-Blogwichteln habe ich einen wunderhübschen Beitrag von Nina Bodenlosz gewonnen, die sich für mich durchs TV-Programm treiben ließ. Ich sage danke und: Film ab!
 
Ich bin eine routinierte und erfahrene Zuschauerin. Seit 1972, als meine Eltern zur Olympiade in München einen Fernseher anschafften, habe ich mich zielstrebig in den Umgang mit dem Medium eingearbeitet.

Ich schaue regelmäßig fern, schließlich will ich meine Form bewahren. In letzter Zeit schlafe ich dabei leider schnell ein. Das muss nicht nur am Programm liegen. Ich bin einfach müde von einem erlebnisreichen Jahr und reif für den Winterschlaf. Sogar der Waschbär auf meinem Dach ist in den letzten Wochen ruhiger geworden. Ich sollte mir ein Beispiel nehmen und früh zu Bett gehen, statt mühsam die Augen offen zu halten, um mein Tagessoll zu erfüllen.

Wenn ich beim Fernsehen auf dem Sofa einnicke und immer wieder aufwache, bekomme ich nicht nur einen verspannten Nacken, es ergeben sich überraschende Zusammenhänge. Aus dem Kochstudio springe ich in den OP, auf einen Hundeschlitten im ewigen Eis und mitten hinein in den Beziehungsstreit auf der Almhütte. Außerdem bleiben Fragen offen. Und offene Fragen sind es doch, die unsere Denkprozesse vorantreiben. Ich werde nie erfahren, wer laut Drehbuch der Mörder war. Ich muss die Geschichte selbst zu Ende bringen oder sie mit der nächsten Szene verknüpfen, aus einer anderen Serie. Manchmal ist mir nicht klar, welche Szenen zusammengehören, vor allem, wenn ich in den Wachphasen durch die Kanäle zappe. Die SchauspielerInnen und Talkshowgäste sind sich doch meist sehr ähnlich. Manche treten an einem Abend in mehreren Rollen auf. Wer kann das auseinanderhalten? Alles fließt ineinander. Es entsteht eine endlose, vielschichtige, komplexe Erzählstruktur. Fernsehen postmodern.

Ein paar Kontinuitäten gibt es zurzeit: Jeden Abend erklärt mir ein Mann mit Hornbrille, der für ein Bordell arbeitet, jedoch anscheinend nicht als Prostitutierter, wie sein Etablissement funktioniert – mal bei einer Talkshow, mal im Fernsehinterview. Sollte ich jemals so einen Club eröffnen wollen, wüsste ich jetzt, wie das geht. Durch die Wiederholung sitzt der Stoff. Irgendwo hält mir stets jemand eine Knarre ins Gesicht und schreit mich an. Größe 46 des Glitzerleopardenshirts ist im Verkaufsfernsehen meist bald nicht mehr vorrätig. Tiere pflanzen sich fort. Und immer nimmt auf einem Kanal gerade jemand ab.

Das Letzte raubt mir den Schlaf. Manchmal setze ich mich sogar kurz auf. Die Coaches bearbeiten die Dicken, damit diese schneller Fett verlieren. Es ist ein erbärmliches Bild. Muss man so etwas zeigen? Warum laufen Ernährungs- und Fitnesscoaches nicht Sturm dagegen, dass ihr Berufsstand im Fernsehen so rundum ekelhaft erscheint? Sind die tatsächlich so? Gestern beschimpfte der Coach seinen Dicken, weil nicht schnell genug abnahm. Sie standen auf einem verschneiten Feld. Der Dicke hatte wie ein Ackergaul eine Art Pflug mit Gewichten daran über den Boden gequält. Er hatte rote Flecken im Gesicht und seine Handflächen waren zerschunden von den Griffen des Pflugs. Der Coach warf ihm vor, im Leben ein Drückeberger zu sein. Später entschuldigte sich der Coach bei einem Glas Wasser mit den Worten: „Mein Fehler, ich habe dir zu viel zugetraut.“ Der Dicke bedankte sich für das Verständnis. Mir drehte sich der Magen um.

Ich zappte weiter und betrachtete lange Zeit eine Galápagosschildkröte. Sie wollte exotische Früchte fressen, bekam sie aber nicht mit dem Maul zu fassen. Der Schlaf erlöste mich.


***
Nina Bodenlosz lebt in Berlin und veröffentlicht im Bodenlosz-Archiv Texte über Wunder des Alltags und andere Phänomene. Ihr Alter Ego Katarina Pollner lebt ebenfalls in Berlin, schreibt, lektoriert wissenschaftliche Texte und bringt seit Kurzem Menschen mit /ENERGY DANCE®/ in Bewegung.


 

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