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Donnerstag, 14. Januar 2016

"Flesh and Bone": Dallas im Ballettsaal

Wer wie ich mit Anna großgeworden ist, kann nicht verleugnen, dass Ballett-Fiction immer noch eine gewisse Anziehungskraft besitzt. Deshalb bin ich auf die Miniserie "Flesh & Bone" gestoßen, eine Produktion von starz, geschrieben von "Breaking Bad"-Autorin Moira Walley-Beckett.

Der Plot folgt den üblichen Mustern, die man auch schon aus "Flashdance" oder "Fame" kennt: Eine junge Tänzerin, mittellos und aus sozial schwierigen Verhältnissen, kommt nach New York, um den großen Durchbruch zu schaffen. Claire Robbins (Sarah Hay) ist aber, und das ist immerhin eine kleine Neuerung, kein unbekannter Anfänger mehr. Sie hat mit 18 schon einmal in einem Profi-Ensemble getanzt, dann aber merkwürdigerweise eine mehrjährige Pause eingelegt. Nun wagt sie ein Vortanzen bei der American Ballet Company - und deren Chef  Paul Grayson (Ben Daniels) pickt sie tatsächlich heraus.

Was dann folgt, ist aber kein Stairway to heaven, sondern ein knallharter körperlicher Trip. Es wird buchstäblich getanzt, bis das Blut fließt. Claire muss sich beweisen. Und weil sie die üblichen Intrigen links liegen lässt, gelingt es ihr bald, die bisherige Prima-Ballerina Kiira, die ihren Zenit bereits überschritten hat, zu überflügeln. Claire soll eine Hauptrolle in der großen Saisoneröffnung übernehmen. Sie trainiert wie eine Besessene, und tanzt damit vor allem der eigenen dunklen Vergangenheit davon. Was es damit genau auf sich hat, ahnt man, als sie unwillkommenen Besuch von ihrem Bruder Brian (Josh Helman) bekommt, mit dem sie eine Vergangenheit teilt, die man vorsichtig ausgedrückt als ungut bezeichnen kann. Missbrauch spielt dabei eine Rolle, Vernachlässigung und emotionale Abhängigkeiten.



Dass sie all dem im Ballettsaal nicht entfliehen kann, merkt Claire recht bald. Denn auch hier sind Unterdrückung, emotionale Erpressung und sexuelle Ausbeutung an der Tagesordnung. So soll sie gleich zu Beginn den reichen Impressario des Ballett-Compagnie als Escort begleiten, um die Finanzierung zu sichern - was im Fiasko endet. Auch die anderen Ensemble-Mitglieder führen keine normalen Beziehungen. Daphne, Tochter reicher Eltern, arbeitet nebenbei als Stripperin im Nachtclub eines russischen Mafioso, der seine Liebe zu Ballerinas wie einen Fetisch pflegt. Claires Mitbewohnerin Mia quält sich mit einer Essstörung und dem Druck, sich aus der zweiten Reihe hervorarbeiten zu müssen, um ihrer übergriffigen Mutter zu gefallen. Claires Beschützer erscheint in Person des verwirrten Romeo, der unter ihrer Eingangstreppe wohnt, und stark an den König der Fischer erinnert. Mehrfach greift er in die Geschichte ein und gibt ihr eine neue Wendung.

"Flesh and Bone": Anmut und Abgründe
Mit rosa Tutus und Wohlfühl-Momenten hat "Flesh and Bone" also rein gar nichts zu tun. Was nach fast jeder Folge zurückbleibt, ist ein latentes Unbehagen. Keine der Figuren will einem so richtig sympathisch werden, zu belastet und mit sich selbst beschäftigt sind sie - und immer bereit, andere zum eigenen Vorteil auszubeuten oder zu belügen. Konsequent in seiner Grausamkeit ist lediglich Compagnie-Chef Paul Grayson, der die Tänzer mit seinen absurden Forderungen immer wieder aufs Neue überrascht, so dass es zum Glück auch ein paar komische Momente gibt. Nach seinem nur kurzen Auftritt in "House of Cards" als Ex von Claire Underwood kann Ben Daniels hier endlich einmal zeigen, was er wirklich kann. Und das ist das eigentlich Sehenswerte.

Kleine Notiz am Rande: Hauptdarstellerin Sarah Hay tanzt im wahren Leben an der Semperoper in Dresden.